Bibliotherapie, kennen Sie das? Nun, das machen auch so richtige Psychologen und -lytiker, und die noch mit Existenz vorn dran, die machen das ganz sicher ganz perfekt. Aber ist es nicht auch eine Form von Bibliotherapie, einem lieben Menschen ein für ihn möglicherweise bedeutsam werdendes Buch zu empfehlen, oder einen Text, es muss ja nicht immer eine Geschichte sein. Auch ein Sachbuch unterstützt einen manchmal, wenn man verunsichert durch sein eigenes kleines Leben trippelt.

Mich haben stets Biografien belebt und der Roman "Schöne Tage" von Franz Innerhofer hat viel in meiner Sicht auf die Welt verändert. Auch "Momo" von Michael Ende hat mich nachdenklich gemacht, ich war einer Freundin dankbar, die sich nicht davon abbringen ließ, mir ein Kinderbuch zu schenken. Ach, diese Einteilungen, Erwachsenenbuch hier und Kinderbuch dort: Wir älteren Menschen lernen doch so viel von den Geschichten für Kinder. Wir lachen uns durch die Pappbilderbücher, wir leiden mit den Heldinnen und Helden und wollen uns doch auch die Welt genau so lesen, wie sie uns gefällt. Bibliotherapie: Vom "Kleinen Ich bin Ich" von Mira Lobe bis zu Arno Geigers "Der alte König in seinem Exil", mit Wolfsgruber, Innerhofer und Mitgutsch dazwischen. Ein Versuch.

Wenn ich im Stau stehe, im Auto sitzend also mehr im Stau sitze als stehe, frage ich mich, warum alle anderen auch immer da sind. Die könnten bei dem schönen Wetter heute, Freitag, 22. August, doch daheim am Balkon chillen oder auch arbeiten oder in einer Bibliothek gerade Medien entlehnen. Nein, die müssen auch in ihren blöden Autos sitzen und von Freilassing in Richtung Salzburg fahren. Gut, auf der Gegenfahrbahn, da waren schon auch ein paar Leute, die sind vielleicht gerade heim in ihre Gärten gefahren. Aber ich rede jetzt von denen vor und hinter mir!

Aus Frust über die Schlange, die Warteschlange, bin ich zu IKEA gefahren, auf einen Kaffee. Da waren sie schon wieder. Die Schlangen-Leute, die, die nie dort sind, wo sie nicht stören, sondern immer genau vor mir in der Schlange. Wer bitte braucht heute etwas anderes als Kaffee? Wer muss Bosna - ja, gibts bei IKEA - und sonstiges zu sich nehmen, wenn es doch Kaffee gibt. Ja, daheim. Nur ich will heute freie Fahrt und einen Angestellten vorfinden, der sich um meinen Kaffeebecher kümmert.

Warum ich das schreibe? Weil ich jetzt fünf Tage bereits völlig tolerant überall in Warteschlangen stand. Weil ich dabei noch freundlich gelächelt habe. Weil ich das so gar nicht mag, das Warten. Und weil es für heute reicht. Ich setz mich jetzt in den Garten, ich geh nicht mehr vor die Tür und schalte meine Kaffeemaschine ein. An mir kann es also ab jetzt, Freitag, 22. August 2014, 14.30 Uhr nicht mehr liegen, dass es in Salzburg Staus gibt.

 

 

Eigentlich ist es der Busfahrschein. Eigentlich war es eine Eintrittskarte, es war auch eine Rechnung aus einem Cafe, nie eine Eselsohr.

Dann kamen bestickte Exemplare, geschenkt von einem besonderen Menschen, die mag ich sehr. Dann wieder eine Quittung, dann auch noch ein schlichtes Band.

Ich merke, dass ich heute viel seltener als früher "außer Haus", also im Bus, auf einer Wiese etc. lese, denn ich lese zu Hause dann, wann ich Ruhe habe und die habe ich doch meistens. Dann lese ich in einem den Text durch, Stunden dürfen vergehen und ich sehne mich nach Unterbrechungen. Es sind ja die Unterbrechungen, die den Text noch reizvoller machen: Man muss schnell ins Büro, dann kann man weiterlesen. Nur die letzten drei Seiten, die kommenden fünf Kapitel noch. Atemlosigkeit gehört auch ein bisschen zum Lesen, finde ich.

Also werde ich jetzt ein Buch bewusst so zu lesen beginnen, dass ich Pausen einplane und nach einem passenden Lesezeichen suchen muss. Ich bin schon neugierig, was ich finde, was ich nehme und ob ich es schaffe, Pause zu machen.

 

 

Wer aus Lienz kommt, muss nicht Schi fahren können

Von Lienz aus bin ich immer mit dem Zug nach Innsbruck gefahren, viele Kurven habe ich ausgehalten, mir war bei der Ankunft immer schlecht. Später dann fuhr ich von Salzburg aus – also weniger kurvenreich und auch ohne Übelkeit – nach Innsbruck zu Sitzungen. Da habe ich mir zum ersten Male die Einwohner der Tiroler Landeshauptstadt angeschaut und mich gleich zu fürchten begonnen. Alle, wirklich alle, hatten Sportjacken, -hosen und -schuhe an, manche trugen Helme. Alle fuhren Rad, hatten dabei Schi am Gepacksträger oder auch Steigeisen. Daraus lernte ich, dass die Innsbrucker immer mindestens zwei Sportgeräte bei sich tragen und häufig in Gruppen auftreten. Sie warten stets auf Busse – bis auf die mit den Rädern! –, die sie vermutlich auf Sprungschanzen, auf Gipfel oder sonst wohin, wo ich es gefährlich finde, bringen. Stell dir vor, du gehst mit deiner Büchertasche durch die Straße und landest dann in so einem Bus, schnell hängst du irgendwo am Seil, stehst auf der Berg-Isel-Schanze und nur der Tod ist dir dann sicher. Über 30 Jahre bin ich ängstlich durch die an sich ja nicht unsympathische Stadt gerannt, immer auf der Flucht vor der sportlichen Masse. Im März 2012 habe ich ein Cafehaus entdeckt. Darin saßen Menschen. Ganz normal bekleidete, Kaffee trinkende Leute. Keiner hatte ein Sportgerät dabei. Ich habe Hoffnung.

Nicht überall ist Heimat, manchmal gibt es eine kleine Heimat, das leise Daheim

Wenn ich von Lienz Richtung Felbertauern fahre, könnte ich bei Huben links abbiegen. Dann bekäme ich in etwa fünfundvierzig Minuten auf einem Bergbauernhof in Hopfgarten einen Kaffee, ein Stück Kuchen oder wenn ich möchte, auch ein Bier. Als ich zum ersten Mal dort war, war ich gerade 23 Jahre alt, hatte rote Haare und trug mit Leidenschaft unförmige Jeans. Trotzdem waren die Leute auf dem Hof freundlich zu mir, luden mich zum Mitessen ein und meinten, ich könne sie duzen. Sie sind meine Schwiegereltern geworden, am Anfang war ich wohl so etwas wie ein optischer Schock für sie. Doch wir fanden zueinander, jetzt sind sie schon lange tot. Die junge Familie dort oben am Hof ist auch schon in die Jahre gekommen, ich könnte mit ihnen die Kindheit meiner Kinder und die der ihren teilen. Erinnerungen sind das Bindeglied zu den Menschen, wir teilen sie, egal wie alt wir werden. Ich kenne auch Menschen, mit denen ich zwar Zeit verbrachte, aber keine Erinnerungen teile, wo ein Ort nie zu einem Daheim wurde. „Du bist immer willkommen hier bei uns.“ Das sagten mir damals nach der Scheidung die Leute vom Hof und das gilt für mich und meine Kinder bis heute. So leicht kann es sein, mit einer Trennung nicht alles zu verlieren. Und jetzt werde ich einfach links abbiegen.